Die Abreise aus Deutschland war wenig aufregend, ich hatte eher das Gefühl, einen organisierten Urlaub anzutreten... ein Hotelzimmer in Saigon war reserviert und auch für den Transport vom Flughafen in die Stadt war gesorgt, also alles recht "easy".

Das Zimmer war relativ groß und gut eingerichtet, bot diversen Komfort, wie Kabel-TV (u.a. mit CNN), Telefon (auch für Auslandsgespräche) und Klimaanlage und hatte ein riesiges Fenster über die gesamte Zimmerbreite zur Terrasse hin - und wenn es nicht gerade regnete oder brühend heiß war, konnte man diese sogar nutzen. Es machte schon Spaß, abends draußen zu sitzen, ein Bierchen zu trinken und Musik zu hören oder das Leben auf der Gasse und im nah gelegenen Tempel zu beobachten.
Zwar war das Zimmer im sechsten Stock und das Hotel hatte keinen Lift, aber das war mir ganz recht, etwas Bewegung tat mir gut und schwere Einkäufe hatte ich ja nicht zu schleppen - und mir das ganze Gepäck hoch zu tragen, liessen sich die fleißigen Vietnamesen nicht nehmen. Allerdings lag das Hotel in der Touristengegend, der Pham Ngu Lao (sozusagen die Khao San Saigons), was zwar gewisse Vorteile brachte (man spricht Englisch und es gibt viele Restaurants), aber es war halt nicht das Vietnam, oder besser das Saigon, das ich auf Dauer wollte. Trotzdem war es auch in der PNL interessant und es gab Neues zu entdecken. So z.B. morgens, wenn ich beim Frühstück saß - um die Uhrzeit war noch alles recht ruhig, die Temperaturen angenehm, die Luft frisch -, konnte ich, bei frisch gebrühtem Kaffee Baguette knappernd, die fliegenden Händler beobachten, die ihre Früchte zusammenbanden und ihre Körbe beluden.

Die Suche nach einer anderen Unterkunft hatte sich erstaunlicherweise schneller erledigt als erwartet. Immer noch in angenehmer Distanz zur Arbeit, wurde mir ein kleines Haus zu einem akzeptablen Preis angeboten. Leider nur mit dem Allernötigsten eingerichtet, aber das ließ sich ändern. Wichtiger war mir, daß die Umgebung stimmte: Ein Geflecht kleiner, enger, mit den Ständen fliegender Händler vollgestopfter Straßen. Ich hätte die richtige Gasse trotz Karte nie gefunden und so musste das Handy mal wieder den Lotsen spielen.

Gleich um die Ecke gab es einen Markt auf dem lauter leckere Sachen verkauft wurden, noch dazu fast alles frisch, oft noch lebend - auch in den vietnamesischen Restaurants wurden z.B. die Shrimps lebend in den vor einem auf einem Gaskocher stehenden Kochtopf geworfen. Metzgerläden mit Kühlregal gab es allerdings nicht, und jeder, der schon 'mal auf einem asiatischen Markt war, weis, daß einem beim Anblick der auf Zeitungspapier ausgebreiteten oder an einem Haken hängenden und in der Hitze schmorenden Fleischbrocken rasch die Lust auf ein Steak vergehen kann. Störte mich eher weniger, da faszinierten mich schon eher die unterschiedlichen Einrichtungen zum Vertreiben der Fliegen.

Die Gegend ist eher ärmlich, ein Arbeiter- und kein Villenviertel. Aber hier fügt sich die typisch vietnamesische Schuhboxbauweise der Häuser harmonisch in das Straßenbild, einfach deshalb, weil die Gassen genauso schmal sind, wie die angrenzenden Häuserfronten.
Die meisten Häuser sind recht bescheiden, oft bestehen sie nur aus dem Erdgeschoss, manche haben das hintere oder vordere Zimmer aufgestockt, nur einige türmen sich auf. Die Türen und Fenster sind, genau wie bei meinem Haus, mit Eisengittern gegen ungewünschte Eindringlinge gesichert, bei den besseren ist auch der kleine Vorgarten mit Mauer, Zaun und Tor zusätzlich verwehrt. Bei vielen ist ein Ladengeschäft oder eine Werkstatt, natürlich immer im Erdgeschoss zur Straße hin, eingerichtet. Manchmal sieht man, wie abends Platz für die Matratzen, die tagsüber an die Wand gelehnt sind, freigeräumt wird, bevor man sie auf den Boden und sich schlafen legt.

Hier kennt anscheinend jeder jeden - und mich, den einzigen Ausländer im ganzen Viertel, kannte natürlich erst recht jeder. Beobachtet fühlte ich mich jedoch nicht, da sind dann auch Vietnamesen, zumindest die Erwachsenen, asiatisch zurückhaltend.
Aber oft stand vor'm Tor eine Horde Kinder, und von denen gab es reichlich, und glotzten und versuchten irgendwie, die Aufmerksamkeit des wundersamen, fremden Wesens auf sich zu ziehen. Da ich, wegen der Wärme und den Gerüchen aus der Küche, die große Eingangstür offen hielt, gab es für sie ja auch genug zu sehen. Anfangs standen sie sogar auf der anderen Straßenseite, um mich auf dem Balkon, auf dem ich oft abends saß, sehen zu können. An einem der ersten Tage habe ich sie kurzerhand alle reingelassen; sie mussten sich allerdings auf die Stühle und Hocker setzen und durften nicht im Haus herum laufen. Erstaunlicherweise gehorchten sie mir sogar und waren recht brav. Fiel ihnen wohl leicht, gab es doch auch noch etwas leckeres zu futtern und zu trinken - vielleicht waren sie aber auch nur vor lauter Schreck ganz verdattert. Und nach einigen Tagen hatte sich dann ihre Neugier gelegt.

Dafür wurden die Erwachsenen der Nachbarschaft langsam mutiger und speziell an den Wochenenden, wenn sie, Bia Hoi (leichtes, frischgebrautes Bier) trinkend und Snacks knappernd, vor dem Haus auf der Straße saßen, wurde ich oft von ihnen eingeladen und durfte nicht vorher gehen, bevor nicht der letzte Krug geleert und das letzte Glas getrunken war.

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